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Das erschöpfte Ich – Mentale Gesundheit in kreativen Berufen

  • Autorenbild: Lisa Tobschall
    Lisa Tobschall
  • 12. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit
Müde Frau im Bett
Erst wenn du dich selbst hörst, wird die Arbeit zu Fun.

Kreative Menschen sind Meister*innen darin, Neues zu erschaffen. Doch dieselbe Energie, die uns Ideen schenkt, kann uns auch ausbrennen.

Ich arbeite mit vielen Führungskräften aus der Medien- und Kreativbranche. Fast alle haben etwas gemeinsam: eine enorme Leidenschaft für das, was sie tun – und eine ebenso große Erschöpfung.

Nicht, weil sie zu wenig können. Sondern weil sie zu viel müssen.

Das System läuft heiß

Mentale Gesundheit in kreativen Berufen ist kein individuelles Versagen, sondern ein kollektives Phänomen. Wir leben in einer Branche, die ständige Erreichbarkeit, maximale Kreativität und hohe emotionale Präsenz verlangt – und gleichzeitig kaum Raum für Regeneration lässt.

Das Gehirn reagiert auf diesen Dauerzustand wie ein übertakteter Prozessor: Es verbrennt Energie, lange bevor die Batterie leer ist.

Neurobiologisch gesehen läuft hier der Stresszyklus permanent auf Hochtouren: Das sympathische Nervensystem ist aktiviert (Kampf oder Flucht), Adrenalin und Cortisol steigen, die Aufmerksamkeit wird eng.Kurzfristig ist das leistungsfördernd – langfristig führt es zu Reizbarkeit, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit und innerer Leere.

Das nennt man heute: funktionierende Erschöpfung. Nach außen läuft alles – innen ist nichts mehr da.

Warum die Kreativbranche besonders betroffen ist

Menschen in kreativen Berufen sind oft hochsensibel, intuitiv und empathisch. Sie nehmen feine Nuancen wahr, spüren Trends und Emotionen – das ist ihre Superkraft. Doch Sensibilität bedeutet auch: ein Nervensystem, das schneller reagiert, intensiver fühlt und tiefer erschöpft.

Hinzu kommt ein strukturelles Muster:Kreativität wird ständig bewertet.Jede Idee kann gut oder schlecht sein. Jeder Pitch kann Erfolg oder Misserfolg bringen.Das Belohnungssystem im Gehirn (Dopamin) wird dadurch dauerhaft aktiviert – wie bei einem Slot-Automaten.Kurzfristige Peaks, gefolgt von Abstürzen.

Das ist keine Schwäche, sondern Biochemie.Das kreative Gehirn sucht ständig nach Stimuli, Anerkennung und Wirkung.Wenn es keine Ruhephasen bekommt, verliert es seine natürliche Balance.

Flow und das Missverständnis von Dauerleistung

Viele Kreative kennen den magischen Zustand des Flow – dieses völlige Aufgehen im Tun, bei dem die Zeit stillzustehen scheint. Neuropsychologisch ist Flow ein Zustand optimaler Balance zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Herausforderung und Fähigkeit.

Doch Flow ist kein Dauerzustand.Er braucht Pausen, Leerlauf, Nichtstun.

Wenn Führungskräfte versuchen, Flow permanent zu erzwingen – etwa durch ständige Deadline-Kultur oder Multitasking – kippt das System. Dann verwandelt sich Flow in Frust, und aus Kreativität wird Zwang.

Flow entsteht aus Vertrauen, nicht aus Druck.Er ist ein biologisches Zusammenspiel von Fokus, Sicherheit und Sinn.

Die Selbstbestimmungstheorie: Warum Motivation bricht

Die Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan) beschreibt drei Grundbedürfnisse, die für intrinsische Motivation und psychische Gesundheit zentral sind:

  1. Autonomie – das Gefühl, selbstbestimmt handeln zu können

  2. Kompetenz – das Gefühl, wirksam zu sein

  3. Verbundenheit – das Gefühl, zugehörig und gesehen zu sein

In vielen Kreativjobs brechen genau diese drei Säulen weg:

  • Projekte sind fremdbestimmt, Budgets eng, Feedback unklar.

  • Erfolge verpuffen, weil sofort das nächste Projekt ruft.

  • Teams verlieren Nähe, weil alle im Stressmodus sind.

Was bleibt, ist ein Gefühl innerer Entfremdung – das erschöpfte Ich.

Das Ego läuft weiter, aber der Sinn bleibt zurück.Und genau hier beginnt der Kreislauf aus Überforderung, Selbstzweifel und Antriebslosigkeit.

Vom Funktionsmodus zurück ins Spüren - Mentale Gesundheit in kreativen Berufen

Im Coaching sehe ich immer wieder, wie schwer es Führungskräften fällt, innezuhalten. Viele haben verlernt, zu spüren, wie es ihnen geht.

Dabei ist das der Schlüssel.

Denn Selbstführung beginnt nicht mit To-do-Listen, sondern mit Wahrnehmung. Wenn du erkennst, dass dein Körper längst auf Alarm steht, kannst du bewusst eingreifen.

Das nennt man interozeptives Bewusstsein – also die Fähigkeit, innere Körperzustände wahrzunehmen (Herzschlag, Atmung, Spannung). Studien zeigen: Menschen mit gut entwickelter Interozeption regulieren Stress deutlich besser.

Ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit kann ausreichen, um das autonome Nervensystem zu beruhigen. Dazu braucht es keine Spiritualität, sondern Präsenz.

Bewusstsein ist die eleganteste Form der Selbstregulation.

Polyvagal-Theorie: Sicherheit als Voraussetzung für Kreativität

Der Neurobiologe Stephen Porges beschreibt in der Polyvagal-Theorie, dass unser Nervensystem drei Hauptzustände kennt:

  1. Soziale Verbundenheit (Ventral-Vagus) – sicher, offen, kreativ

  2. Kampf/Flucht (Sympathikus) – fokussiert, angespannt

  3. Erstarrung (Dorsal-Vagus) – taub, erschöpft, leer

Kreativität kann nur im ersten Zustand entstehen – wenn du dich sicher und verbunden fühlst. Doch viele Arbeitsumfelder halten Menschen dauerhaft im zweiten oder dritten Zustand. Das führt zu Misstrauen, Überkontrolle und innerer Starre.

Führung beginnt also dort, wo du Sicherheit schaffst: für dich und dein Team. Ein reguliertes Nervensystem ist ansteckend – genauso wie ein dysreguliertes.

Mentale Gesundheit als Leadership-Aufgabe

Früher galt mentale Gesundheit als Privatsache. Heute wissen wir: Sie ist Führungsverantwortung.

Wenn du als Führungskraft erschöpft bist, spürt dein Team das – auf einer Ebene, die Worte nicht erreichen. Emotionale Zustände sind ansteckend. Spiegelneuronen, hormonelle Resonanz, Teamdynamiken – alles reagiert auf dein Nervensystem.

Deshalb ist Selbstfürsorge kein Ego-Trip. Sie ist eine Form von professioneller Integrität.

Wer gut führt, sorgt zuerst für die eigene Balance.

Das bedeutet:

  • bewusste Pausen zu nehmen

  • emotionale Regulation zu üben

  • über mentale Gesundheit offen zu sprechen

  • und Leistung nicht mit Selbstwert zu verwechseln

Coaching-Perspektive: Vom „Ich muss“ zum „Ich darf“

Viele meiner Klient:innen sagen Sätze wie:„Ich kann nicht mehr, aber ich darf nicht aufhören.“Oder: „Wenn ich kurz langsamer mache, verliere ich alles.“

Hinter diesen Glaubenssätzen steckt meist eine Identifikation mit Leistung. Das Ich definiert sich über Output.

Coaching hilft hier, Distanz zu schaffen. Zu erkennen: Du bist nicht deine Arbeit, du hast sie. Du kannst sie gestalten – aber du musst dich nicht mit ihr verwechseln.

Wenn diese Erkenntnis einsinkt, entsteht plötzlich Raum für neue Entscheidungen: Arbeitsweisen verändern, Prioritäten neu setzen, Pausen respektieren.Nicht aus Schwäche, sondern aus Bewusstsein.

Mini-Übung: Reset für dein Belohnungssystem

Diese Übung hilft, dein Dopamin-System zu beruhigen und den Körper wieder auf Ruhe zu schalten:

  1. Setz dich aufrecht hin.Atme tief ein – langsam, ohne Druck.

  2. Lass die Schultern sinken.Spür, wie sie den Stress der letzten Stunde loslassen.

  3. Schließ kurz die Augen.Frag dich: „Was brauche ich jetzt wirklich?“

  4. Dann tu genau das – für 2 Minuten.Dehnen, trinken, durchatmen, nichts tun.

Ziel ist nicht Produktivität, sondern Regulation.Wenn du das regelmäßig übst, lernt dein Gehirn: Sicherheit ist verfügbar – auch ohne Leistung.

Fazit: Die Rückkehr des echten Ichs

Das erschöpfte Ich ist kein kaputtes Ich .Es ist ein Ich, das zu lange stark war.

Mentale Gesundheit in kreativen Berufen bedeutet, dich daran zu erinnern, dass du kein Dauer-Performer bist, sondern ein fühlendes, atmendes Wesen mit Rhythmus, Tiefe und Bedürfnissen.

Kreativität entsteht nicht, wenn du funktionierst –sondern wenn du wieder in Verbindung bist: mit deinem Körper, deiner Wahrnehmung, deiner inneren Stimme.

Erst wenn du dich selbst hörst, wird die Arbeit zu Spass machen.


 
 

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